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Hintergrund

Scheunendrescher Nr.2

Hallo Welt, hier ist Stralendorf


Jüngster Scheunendrescher spezial mit Sigmund Jähn Ende Oktober 2012 war ein voller Erfolg
Stralendorf – „Rückblick aus dem All“, so heißt die lesenswerte und leider auch schon in der 2. Auflage längst vergriffene Biographie des ersten und einzigen Fliegerkosmonauten der DDR, Sigmund Jähn, von Horst Hoffmann. Rückblicke aus dem All haben wir zwar nicht zu bieten, aber immerhin Rückblicke auf unsere ländliche Talkshow „Scheunendrescher“ spezial mit Sigmund Jähn am 25. Oktober in der Stralendorfer Amtsscheune. Die Veranstaltung war im übertragenen wie im wahrsten Sinne des Wortes ein voller Erfolg. Fast 160 Gäste wollten und konnten den prominenten Gast zunächst bei seinem Fachvortrag über deutsche Beiträge zur internationalen Raumfahrt sowie im anschließenden Gespräch mit Jürgen Seidel erleben, in dem Letzterer das journalistische Kunststück fertigbrachte, einen Kosmonauten zum Singen zu bringen – und zwar auf Original vogtländisch.
Viele Besucher nutzten zudem die Gelegenheit, bereits vor und vor allem nach dem offiziellen Programm mit Jähn persönlich ins Gespräch zu kommen und sich Bücher, Zeitungen und andere Dokumente signieren zu lassen.

Eindrücke von diesem, wohl jedem, der dabei war, unvergesslichen Abend bieten unsere entsprechende „kosmische“ Bilder-Galerie mit Fotos von Monika Schröder sowie ein Beitrag aus der „Schweriner Volkszeitung“ [838 KB] vom Wochenende 27./28. Oktober 2012. Rückblicke auf eine Sternstunde. js

>> SVZ vom 23.10.12 Seite1 [653 KB] und Seite 9 [761 KB]

Diashow - Bilder der Veranstaltung

´┐ŻScheunendrescher´┐Ż mit Sigmund Jähn


7 Tage, 20 Stunden, 49 Minuten und 4 Sekunden oder eine Woche im Kosmos – Wer ist Sigmund Jähn?
Von Jürgen Seidel

Liebe Fernsehzuschauer der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin sehr glücklich darüber, als erster Deutscher an diesem bemannten Weltraumflug teilnehmen zu dürfen.“
Sigmund Jähn über Funk während seines Aufenthaltes im All



Wer ist Sigmund Jähn? Zunächst ist und bleibt Sigmund Werner Paul Jähn – so der vollständige Name des am 13. Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz bei Klingenthal geborenen späteren „fliegenden Vogtländers“ – auf alle Zeiten der erste Deutsche im All, damals ein Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, ein Offizier der NVA und einer der ersten Düsenpiloten der DDR-Luftstreitkräfte.

Biographische Entwicklung bis zum Weltraumflug
Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Sigmund Jähn von 1951 bis 1954 eine Lehre zum Buchdrucker. Am 26. April 1955 trat Jähn seinen Wehrdienst bei der VP-Luft an, dem Vorläufer der Luftstreitkräfte der DDR. Nach seiner Grundausbildung wurde er ab 1956 als Offiziersschüler an OHS der LSK/LV in Kamenz und an der Fliegerschule in Bautzen, der Vorläufereinrichtung der späteren OHS für Militärflieger in Bautzen zum Flugzeugführer ausgebildet. Später studierte er an der Militärakademie der Luftstreitkräfte „J. A. Gagarin“ in Monino bei Moskau und wurde Diplom–Militärwissenschaftler. Von 1970 bis 1976 bekleidete Jähn die Funktion eines Inspekteurs für Jagdfliegerausbildung und Flugsicherheit beim Stellvertreter des Chefs LSK/LV für Ausbildung der Luftstreitkräfte im Kommando LSK/LV. Für seine Leistungen in Ausbildung und Einsatz wurde er mit dem Titel „Verdienter Militärflieger der DDR“ ausgezeichnet.

Im Rahmen des Interkosmos-Programms kamen Oberstleutnant Jähn und drei weitere Kandidaten (Eberhard Köllner, Rolf Berger und Eberhard Golbs) ab 1976 in die engere Wahl zur Kosmonautenausbildung. Jähn und Köllner erhielten den Zuschlag.

Eine Woche im Weltraum – Vorbereitung und Flug
Der Physiker und Diplom-Militärwissenschaftler Sigmund Jähn flog am 26. August 1978 in der sowjetischen Sojus 31 zusammen mit Waleri Fjodorowitsch Bykowski zur sowjetischen Raumstation Saljut 6. Der Flug dauerte exakt 7 Tage, 20 Stunden, 49 Minuten und 4 Sekunden. Während der 125 Erdumkreisungen führte Jähn zahlreiche Experimente durch. Dazu zählten wissenschaftlich-technische Experimente mit der Multispektralkamera MKF 6 zur Erdfernerkundung, materialwissenschaftliche Experimente, Experimente zur Kristallisation, Formzüchtung und Rekristallisation sowie Züchtung eines Monokristalls, medizinische Experimente, Untersuchung der Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Sprechvermögen, arbeitspsychologische Untersuchungen, Überprüfung der Hörempfindlichkeit der Stammbesatzung, biologische Experimente zum Zellwachstum in der Schwerelosigkeit und zur Verbindung von Mikroorganismen mit organischen Polymeren und anorganischen Stoffen. Bekannt wurde die im Fernsehen gezeigte Puppenhochzeit des von Jähn mitgebrachten DDR-Sandmännchen mit der sowjetischen Fernsehpuppe „Mascha“, die Waleri Bykowski mitgebracht hatte.

Eine unerwartet harte Landung der Rückkehrkapsel Sojus 29 (Sojus 31 blieb als Rückkehrkapsel für die Stammbesatzung an Saljut 6 angedockt) führte bei Jähn zu bleibenden Wirbelsäulenschäden. Da der Fallschirm sich nicht von der Landekapsel gelöst hatte, wurde sie durch die Steppe geschleift.

Ereignisse nach dem Weltraumflug
Der Weltraumflug von Sigmund Jähn wurde in den Medien der DDR mehr als ausgiebig thematisiert behandelt und gefeiert, stellte doch der kleinere deutsche Staat den ersten Deutschen im All. Nach seiner Rückkehr erhielt Jähn die Auszeichnungen „Held der DDR“ und „Held der Sowjetunion“. Im Hain der Kosmonauten vor der Berliner Archenhold-Sternwarte wurde eine Büste mit seinem Abbild enthüllt. Schulen, wie auch in Schwerin, Freizeitzentren sowie ein Schiff der DDR-Handelsflotte erhielten schon zu Lebzeiten seinen Namen. Ein Jahr nach seinem Flug wurde in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz im vormaligen Bahnhof eine Ausstellung über den Weltraumflug eingerichtet. In den Jahren 1991/92 wurde diese Ausstellung stark erweitert und nennt sich seitdem „Deutsche Raumfahrtausstellung“.Seit 2007 ist die nochmals erweiterte Ausstellung in einem neuen Gebäude unweit des alten Standorts untergebracht.

Bekannt wurde außerdem eine Darstellung Jähns in dem 2003 veröffentlichten Spielfilm „Good Bye, Lenin“.Neben Originalaufnahmen der „Puppenhochzeit“ im Weltraum wird Jähn dabei in einem fiktiven Bericht der Aktuellen Kamera als 1990 ernannter Staatsratsvorsitzender einer DDR dargestellt, welcher die Grenzen zur BRD öffnet.

Nach der erfolgreichen Raumfahrtmission Sojus 31 war Jähn 1978 zum Oberst und zum stellvertretenden Leiter des Zentrums für Kosmische Ausbildung im Kommando LSK/LV berufen. 1979 wurde er Chef dieses Zentrums und blieb es bis 1990. 1983 wurde Jähn am Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam auf dem Gebiet der Fernerkundung der Erde zum Dr. rer. nat. promoviert. Dies geschah unter der Leitung seines Freundes Karl Heinz Marek, der zu diesem Zeitpunkt Leiter des Bereichs Fernerkundung des Zentralinstituts war. Seine Doktorarbeit zum Thema „Arbeiten zur Entwicklung methodischer Grundlagen für Auswertung und Nutzung von Fernerkundungsdaten in der DDR“ beruhte unter anderem auf den gemeinsamen wissenschaftlichen Ausarbeitungen des Fluges.

Am 1. März 1986 war Oberst Jähn zum Generalmajor ernannt worden. Er gehörte am 2. Oktober 1990 neben Generalmajor Lothar Engelhardt und Admiral Theodor Hoffmann zu den letzten Generalen, die aus der NVA entlassen wurden. Seit 1990 war er im russischen Kosmonautenausbildungszentrum als freier Berater für das Astronautenzentrum des DLR und seit 1993 auch für die ESA (European Space Agency) tätig. 2007 trat Jähn in den verdienten Ruhestand, blieb und bleibt aber auch ein gefragter Referent.

Sigmund Jähn privat
Sigmund Jähn lebt seit 1978 in Strausberg bei Berlin, ist verheiratet und hat zwei Töchter, Jahrgang 1958 und 1966. Zu seinen Hobbys gehören Lesen und Jagen, so schreibt es jedenfalls das Internationale Biographische Munzinger-Archiv.

Dr. Sigmund Jähn wurde bereits kurz nach seiner Rückkehr auf die Erde und später mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, so zum Beispiel „Held der DDR“ und „Held der Sowjetunion“ (1978). Sigmund Jähn ist erster und einziger Träger des Ehrentitels „ Fliegerkosmonaut der Deutschen Demokratischen Republik“. 1999 wurde er mit dem Medienpreis „Goldene Henne“ geehrt. 2001 wurde der am 27. Januar 1998 an der Volkssternwarte Drebach im Erzgebirge entdeckte Asteroid 1998 BF14 nach Jähn benannt und trägt jetzt die offizielle Bezeichnung „(17737) Sigmundjähn“. Eine der wichtigsten und ehrenvollsten Auszeichnungen aber haben ihm die Menschen verliehen, zumal die einfachen Menschen – sie empfinden und bezeichnen Jähn nach wie vor als bescheiden, bodenständig und als einen sympathischen Helden.

Wer also ist Sigmund Jähn? Er ist eben auch Stargast des jüngsten Stralendorfer „Scheunendreschers“ spezial am 25. Oktober, wobei die Bezeichnung Star-Gast ja auch irgendwie etwas Komisches hat, oder nicht?


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